Österreichs neue KI-Strategie — und die Behörde, die seit einem Jahr fehlt

Die Bundesregierung lässt eine neue KI-Strategie erarbeiten: Sie ersetzt die AI Mission Austria 2030 aus dem Jahr 2021, geschrieben vor ChatGPT. Was angekündigt wurde, was daneben liegen bleibt — und warum sich für deinen Betrieb heute nichts ändert.

· Thomas Draxler · AI Strategy

Am Sonntagmittag ging eine kurze Agenturmeldung durch die österreichischen Medien: Die Bundesregierung erarbeitet eine neue KI-Strategie. Bundeskanzler Christian Stocker hat Staatssekretär Alexander Pröll damit beauftragt, zuerst berichtet hatte die „Kronen Zeitung".

Die Meldung ist fünf Absätze lang und enthält keine einzige Zahl. Trotzdem lohnt sich ein genauerer Blick — weil das, was nicht darin steht, für Unternehmen wichtiger ist als das, was drinsteht.

Was heute angekündigt wurde

Die neue Strategie soll die „Artificial Intelligence Mission Austria 2030" ablösen, kurz AIM AT 2030. Stocker begründet das in einer Aussendung mit dem Tempo der Entwicklung:

> „Künstliche Intelligenz verändert unser tägliches Leben in einem bisher unbekannten Tempo."

Und, deutlicher: „Die bisherige Strategie wurde geschrieben, bevor es ChatGPT gab." Österreich brauche jetzt eine neue Vision, „die die Chancen entschlossen nutzt und Risiken klar in den Griff bekommt".

Pröll, der regierungsintern schon bisher für das Thema zuständig war, formuliert die Leitfragen so:

> „Wie heben wir das ungenutzte Potenzial? Wie schützen wir die Menschen? Kurz: Wie sorgen wir dafür, dass Österreich auch in Zukunft ein Land ist, das handlungsfähig und wohlhabend ist und dabei menschlich bleibt?"

Wie er dabei konkret vorgehen wird, steht laut Bericht noch nicht fest. Als methodisches Vorbild dürfte die bereits verabschiedete Industriestrategie dienen, die KI als eine der Schlüsseltechnologien einstuft. Inhaltlich soll es um Wettbewerbsfähigkeit, Arbeitsplätze und konkrete Anwendung gehen.

Was in AIM AT 2030 steht — und warum das Argument stimmt

Die alte Strategie ist kein Papier von der Stange. Sie wurde 2021 mit mehr als 160 Expertinnen und Experten entwickelt, definiert drei Kernziele und über 64 Maßnahmen, und wurde 2024 um einen Umsetzungsplan ergänzt.

Die drei Kernziele waren:

  1. ein breiter, menschenzentrierter und gemeinwohlorientierter Einsatz von KI
  2. Österreich als Forschungs- und Innovationsstandort in ausgewählten KI-Feldern
  3. Sicherung der Wettbewerbsfähigkeit durch KI-Einsatz

Aufgebaut ist sie entlang der beiden EU-Säulen „Ökosystem für Vertrauen" und „Ökosystem für Exzellenz".

Das Argument „vor ChatGPT geschrieben" ist dabei kein Vorwand. ChatGPT erschien im November 2022 — eineinhalb Jahre nach der Strategie. Eine KI-Strategie aus 2021 denkt in Forschungsförderung, Datenräumen und Leuchtturmprojekten. Sie denkt nicht darin, dass in jedem Betrieb ab zehn Mitarbeitenden jemand Kundenanfragen durch ein Sprachmodell schickt. Das ist ein echter struktureller Bruch, kein Detail.

Die Leerstelle: eine Aufsicht, die es seit über einem Jahr geben müsste

Hier wird es für Unternehmen interessant. Am selben Tag kritisierten die Grünen die Ankündigung — nicht wegen ihres Inhalts, sondern wegen dessen, was daneben liegen bleibt.

Die EU-KI-Verordnung verpflichtet die Mitgliedstaaten, eine zuständige Marktüberwachungsbehörde zu benennen. Die Frist dafür lief im August 2025 ab. Mehr als ein Jahr später ist diese Behörde in Österreich nach wie vor nicht benannt. Bereits Ende Juli 2026 hatten die Grünen dazu eine Aussendung mit dem Titel „Regierung verschläft bei KI-Aufsicht noch ein Jahr" veröffentlicht.

Wichtig für das richtige Verständnis: Eine Anlaufstelle gibt es. Die KI-Servicestelle bei der RTR (Rundfunk und Telekom Regulierungs-GmbH) existiert seit 2024, informiert, beantwortet Fragen und ist die zentrale Koordinationsstelle zum AI Act. Was fehlt, ist die förmlich benannte Behörde mit Durchsetzungsbefugnissen — also jene Stelle, die Beschwerden bearbeitet und Verstöße sanktioniert.

Das ist keine akademische Unterscheidung. Seit 2. August 2026 gelten die Transparenzpflichten der KI-Verordnung: Chatbots müssen sich als KI zu erkennen geben, Deepfakes müssen gekennzeichnet sein. Wer sich durch ein manipulatives KI-System beeinträchtigt sieht, hat ein Beschwerderecht. Nur: Bei wem?

Die Grünen fordern für die neue Strategie einen verbindlichen Zeitplan, klare Zuständigkeiten und parlamentarische Einbindung, bevor Ergebnisse präsentiert werden.

Was das für deinen Betrieb praktisch bedeutet

Die naheliegende Schlussfolgerung wäre: keine Behörde, keine Kontrolle, also entspannt zurücklehnen. Das ist ein teurer Irrtum, aus drei Gründen.

Erstens gelten die Pflichten trotzdem. Die KI-Verordnung ist eine EU-Verordnung, kein nationales Gesetz. Sie wirkt unmittelbar, unabhängig davon, wie weit Österreich mit seiner Behördenorganisation ist. Was seit 2. August 2026 gilt, gilt.

Zweitens ist die Lücke vorübergehend. Wenn die Behörde benannt wird — und das wird sie —, beginnt sie nicht bei null. Eine Kennzeichnung, die du heute unterlässt, ist dann nicht nachträglich erledigt.

Drittens sind Behörden nicht der einzige Weg. Fehlende Kennzeichnung von Werbung oder KI-Inhalten ist in Österreich auch ein Fall für das Lauterkeitsrecht — und dafür braucht es keine KI-Behörde, sondern einen Mitbewerber mit einem Anwalt.

Was konkret zu tun ist, haben wir im Detail aufgeschrieben: EU AI Act für österreichische Unternehmen.

Die Zahl, die in der Debatte fehlt

Während über Strategiepapiere diskutiert wird, gibt es zwei Erhebungen, die den tatsächlichen Stand messen. Sie sagen auf den ersten Blick Gegensätzliches — und genau darin liegt die eigentliche Erkenntnis.

Bei der Verbreitung ist Österreich vorne. Laut Statistik Austria (Befragung Februar bis Juli 2025, Unternehmen ab zehn Beschäftigten) setzen 30 Prozent der österreichischen Unternehmen KI-Technologien ein — EU-weit sind es 20 Prozent. Österreich zählt damit ausdrücklich zu den führenden Ländern der EU-27.

Bei der Tiefe ist Österreich hinten. McKinsey hat für „State of AI in Austria 2025" die KI-Reife österreichischer Unternehmen über sechs Dimensionen zu einem „AI-Quotienten" (Skala 0–100) verdichtet. Befragt wurden über den Zugang der Industriellenvereinigung zu ihren Mitgliedsunternehmen vor allem CTOs, CDOs, CIOs und IT-Leitungen. Das Ergebnis:

BefundWert
AI-Quotient Österreich im Durchschnitt30
… gegenüber EU-Durchschnitt34
… gegenüber globalem Durchschnitt36
Unternehmen im obersten Quintil der globalen Werte19 %
Unternehmen in den unteren 40 % der globalen Werte68 %
Unternehmen mit ausformulierter KI-Strategie20 %
Unternehmen, die den Nutzen von KI noch nicht quantifiziert haben80 %
Unternehmen ohne definierte Erfolgskennzahlen84 %
Unternehmen, die von minimalen bis keinen Produktivitätsgewinnen berichten61 %

Am weitesten sind Technologie, Medien und Telekommunikation (AI-Quotient 47) und Finanzinstitute (35); am unteren Ende stehen Konsumgüter (21) sowie industrielle Automatisierung und Maschinenbau (25).

Zusammengenommen ergibt das ein präzises Bild: Österreich nutzt KI breit, aber flach. Drei von zehn Betrieben setzen sie ein — aber acht von zehn wissen nicht, was sie dabei herausholen, und sechs von zehn berichten von kaum messbaren Produktivitätsgewinnen.

Das ist ein Befund, den keine nationale Strategie für dich beheben kann. Das Problem der meisten Betriebe ist nicht, dass Österreich keine Vision hat. Es ist, dass im eigenen Haus niemand aufgeschrieben hat, welcher Ablauf als Erstes dran ist und woran man merken würde, dass es funktioniert hat.

Was du tun kannst, ohne auf die Strategie zu warten

Eine nationale Strategie mit unbekanntem Zeitplan ist keine Planungsgrundlage. Drei Dinge sind unabhängig davon sinnvoll:

  1. Kennzeichnung prüfen. Überall dort, wo Kundinnen und Kunden direkt mit einem KI-System interagieren — Chatbot, Analysetool, automatische Antworten —, gehört ein sichtbarer Hinweis hin. Das ist eine halbe Stunde Arbeit und seit 2. August 2026 Pflicht.
  2. Einen Prozess auswählen, nicht zehn. Der Engpass ist fast nie die Technik. Wie man den ersten Prozess findet, steht in Prozessautomatisierung: Welcher Prozess zuerst dran ist.
  3. Die eigene Strategie auf eine Seite schreiben. Wenn 80 Prozent der Betriebe den Nutzen nie quantifiziert haben, ist das die günstigste Verbesserung überhaupt. Wie das konkret aussieht: KI-Strategie für dein Unternehmen.

Und was die Förderlandschaft angeht, die eine neue Strategie möglicherweise umbaut: Die bestehenden Programme laufen weiter. Einen Überblick gibt KI-Förderungen in Österreich.

Was wir ehrlicherweise nicht wissen

Zum Redaktionsschluss ist praktisch nichts über den Inhalt der neuen Strategie bekannt. Konkret offen sind:

Wir aktualisieren diesen Artikel, sobald dazu Belastbares vorliegt.

Unsere Einschätzung

Dass eine Strategie aus der Zeit vor ChatGPT überarbeitet wird, ist überfällig und richtig. Der Satz „geschrieben, bevor es ChatGPT gab" ist eine ungewöhnlich ehrliche Selbstdiagnose für ein Regierungspapier.

Gleichzeitig ist die Reihenfolge diskutabel. Die Benennung der Aufsichtsbehörde ist keine Visionsfrage, sondern eine Verwaltungsaufgabe mit abgelaufener Frist. Sie kostet wenig und schafft Rechtssicherheit für genau die Unternehmen, die jetzt investieren sollen.

Für dich als Unternehmerin oder Unternehmer bleibt die Lage unverändert praktisch: Die Pflichten gelten. Die Förderungen gibt es. Und daran, dass 80 Prozent der Betriebe den Nutzen ihrer KI nie quantifiziert haben, wird keine Strategie der Welt etwas ändern — das ist eine Hausaufgabe, die jeder selbst macht oder eben nicht.

Stand und Quellen

Stand: 14. September 2026. Die Ankündigung ist wenige Stunden alt; Details können sich kurzfristig ändern.

Häufige Fragen

Was wurde am 14. September 2026 zur österreichischen KI-Strategie angekündigt?

Bundeskanzler Christian Stocker hat Staatssekretär Alexander Pröll beauftragt, eine neue KI-Strategie zu erarbeiten. Sie soll die „Artificial Intelligence Mission Austria 2030" (AIM AT 2030) aus dem Jahr 2021 ablösen, weil diese vor der Veröffentlichung von ChatGPT geschrieben wurde. Zeitplan, Budget und Verfahren stehen laut Bericht noch nicht fest.

Was stand in der bisherigen Strategie AIM AT 2030?

AIM AT 2030 wurde 2021 mit mehr als 160 Expertinnen und Experten entwickelt und definiert drei Kernziele: einen breiten, menschenzentrierten KI-Einsatz, Österreich als Forschungsstandort in ausgewählten KI-Feldern und die Sicherung der Wettbewerbsfähigkeit. Dazu kommen über 64 Maßnahmen und ein Umsetzungsplan aus dem Jahr 2024.

Hat Österreich eine KI-Behörde?

Nicht vollständig. Die KI-Servicestelle bei der RTR existiert seit 2024 als zentrale Informations- und Koordinationsstelle. Die von der EU-KI-Verordnung geforderte Marktüberwachungsbehörde mit Durchsetzungsbefugnissen ist in Österreich aber bis heute nicht förmlich benannt — die Frist dafür lief im August 2025 ab. Die Grünen kritisieren das seit Monaten.

Muss ich als Unternehmen warten, bis die neue Strategie fertig ist?

Nein. Die Pflichten aus der EU-KI-Verordnung gelten seit 2. August 2026 unmittelbar und unabhängig davon, wie weit Österreich mit Strategie oder Behördenorganisation ist. Dazu zählen die Transparenzpflichten: Chatbots müssen sich als KI zu erkennen geben, KI-generierte Inhalte müssen gekennzeichnet sein.

Wie weit sind österreichische Unternehmen beim KI-Einsatz tatsächlich?

Das kommt darauf an, ob man Verbreitung oder Tiefe misst. Bei der Verbreitung liegt Österreich vorn: Laut Statistik Austria setzen 30 Prozent der Unternehmen KI ein, EU-weit sind es 20 Prozent. Bei der Reife liegt Österreich zurück: Der von McKinsey erhobene AI-Quotient liegt im österreichischen Schnitt bei 30 Punkten gegenüber 34 in der EU und 36 global. 80 Prozent der Unternehmen haben den Nutzen ihrer KI nie quantifiziert, 84 Prozent haben keine definierten Erfolgskennzahlen.